Kurz habe ich überlegt, ob ich meine Gedanken zum aktuellen Fall Wirecard und einige Lehren daraus für die Krisenkommunikation überhaupt niederschreiben soll. Vermutlich werden sich in den nächsten Tagen eine ganze Reihe Berater und selbsternannte Experten an dem Thema abarbeiten. Und Wirecard hat im Augenblick wirklich Wichtigeres zu tun, als auf irgendwelche Besserwisser zu hören, die – retrospektiv natürlich – alles ganz anders gemacht hätten.

Eine hervorragende Zusammenfassung des Falls Wirecard inklusive Chronologie und Linksammlung hat übrigens Heinz-Roger Dohms in seinen Beiträgen auf Finanz-Szene.de hier, hier und hier geliefert.

Zunächst aber verdienen die Kolleginnen und Kollegen aus der Kommunikations- und IR-Abteilung von Wirecard Respekt dafür, wie sie innerhalb einer knappen Woche das Thema zumindest teilweise wieder einfangen konnten. Ein Höllenjob, bei dem man abends nach vielen Telefonaten, E-Mails und Krisensitzungen vermutlich nicht mehr weiß, wie man heißt. Das sind Tage, in denen bis in die späte Nacht durchgearbeitet wird und man morgens um sieben schon wieder auf der Matte steht, um die nächste Telco vorzubereiten. Wer noch nie in einer Krise versucht hat, sich Überblick über die tatsächliche Faktenlage zu verschaffen, insbesondere im internationalen Umfeld mit verschiedenen Zeitzonen, wer noch nie Vorstände zu einem Statement überreden musste, wer nie mit der Rechtsabteilung über jedes Wort eines Statements gestritten und parallel fünf Journalistenanfragen beantwortet hat, wer noch nie von einem Investor angeschrien wurde, dessen Portfolio gerade den Wert eines Einfamilienhauses in bester Lage verloren hat, kann da eigentlich nicht mitreden. Manchmal sind die Rahmenbedingungen so, wie sie sind, und man muss versuchen, das Beste daraus zu machen.

In jedem Fall war es richtig, schnellstmöglich mit einem klaren Statement gegenüber der Presse und Investoren zu reagieren und eine Telefonkonferenz zur weiteren Klärung aufzusetzen, bei der der Vorstand persönlich Rede und Antwort gestanden hat.

Einige Punkte sind mir aber aufgefallen, aus denen man grundsätzliche Lehren für die Krisenkommunikation ableiten kann.

  1. Recherchereflex beachten

In einem ersten Statement hat Wirecard den FT-Artikel als „falschen, ungenauen, irreführenden und diffamierenden Artikel“ bezeichnet, ohne jedoch darauf einzugehen, was genau an der Darstellung falsch und was ungenau war. Wirecard konnte den Artikel zu diesem Zeitpunkt nicht als frei erfunden zurückweisen, weil er auf Dokumenten aus dem Unternehmen beruhte, die der FT zugespielt worden waren. Übrigens fielen die Dokumente auf fruchtbaren Boden, denn der FT-Redakteur Dan McCrum hatte vor drei Jahren auch schon die dubiose Zatarra-Research-Studie aufgegriffen, die im Anschluss zu einem Kurssturz der Wirecard-Aktie führte. Klassisches Szenario, bei dem ein Journalist ein Unternehmen „auf dem Kieker“ hat und alles daran setzt, belastendes Material zusammenzutragen und zu veröffentlichen – die Objektivität bleibt dabei manchmal auf der Strecke. Journalisten sind da auch nur Menschen und wer als Journalist eine große Story wittert, gräbt eben ein bisschen tiefer und betrachtet Materialien aus dem gewünschten Blickwinkel.

Wirecard konnte also nicht den gesamten Bericht dementieren – auch wenn aus Sicht des Unternehmens die darin erhobenen Vorwürfe haltlos waren. Es hatte ja tatsächlich Anschuldigungen gegeben, denen das Unternehmen pflichtgemäß mit einer internen und externen Untersuchung nachgegangen war. Zum Zeitpunkt des Statements war das Unternehmen aber vermutlich noch mitten in der Diskussion, ob man auf die Quellen und die darin aufgeworfenen Vorwürfe überhaupt eingehen soll.

Mit Wortlaut „ungenau“ und „irreführend“ hatte Wirecard jedoch den Recherchereflex der Medien geweckt. Was war denn nun Sache? Was in dem Artikel war definitiv falsch, was „nur“ ungenau? Gab es tatsächlich Unregelmäßigkeiten, aber nicht in dem kolportierten Umfang? Damit kommen wir zu Punkt 2:

  1. Salamitaktik vermeiden

Hätten die Kollegen von Wirecard bereits im ersten Statement sagen können, dass es sich um eine „Non-news“ handelt, die genannte Präsentation adressiert und die im Artikel aufgeworfenen Vorwürfe Punkt für Punkt entkräftet, wäre vermutlich schneller eine Beruhigung eingetreten. Vor allem wäre nicht das ungute Gefühl aufgekommen, das Unternehmen versuche, etwas unter dem Deckel zu halten. Das führt nämlich fast zwangsläufig zu der Schlussfolgerung: irgendwas scheint ja doch dran zu sein. Die Vorwürfe hat Wirecard erst im Interview mit dem Handelsblatt, das Sonntagabend geführt wurde, und dem Investorencall am Montag mit Bezug auf die Dokumente, die der FT vorlagen, ausführlicher entkräftet, nachdem klar war, dass das erste Dementi nicht ausreicht und die FT auch noch einmal nachgelegt hatte. Gerade das Handelsblatt-Interview, das zweite, ausführlichere Statement und die Einladung zur Telefonkonferenz haben gezeigt, dass Wirecard am Sonntag von einer defensiven Kommentierung in eine aktive Krisenkommunikation übergegangen ist.

  1. Einordnung

Wirecard hatte 2018 ein Transaktionsvolumen von 100 Mrd. Euro, einen Umsatz von 2,1 Mrd. Euro und ein EBITDA von 412,6 Mio. Euro – bei den Vorwürfen ging es angeblich um Transaktionen in Höhe von 37 Mio. Euro. Das sind beileibe keine Peanuts. Aber wenn man die Zahlen, wie Heinz-Roger Dohms das in seiner Analyse getan hat, richtig einordnet und ins Verhältnis zum Transaktionsvolumen und dem Umsatz setzt, ist bereits klar, dass es sich – völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Vorwürfe – nicht um einen massiven Skandal handeln kann, der eine deutliche Wertminderung des Unternehmens oder sogar eine Bestandsgefährdung nach sich ziehen könnte. Die heftigen Reaktionen am Aktienmarkt mit zweistelligen Kursverlusten waren also völlig überzogen und hätten vielleicht abgemildert werden können, wenn das Unternehmen selbst diese Einordnung vorgenommen hätte.

  1. Klare Botschaft

Im schriftlichen Statement von Wirecard wird zwar das Compliance-Management-System angeführt. Die zentralen Botschaften „Unser Compliance-Management-System hat gegriffen“, „Wir sind den Vorwürfen nachgegangen“ und „An den Vorwürfen ist nach mehrmonatigen, gründlichen internen und externen Ermittlungen nach unserem derzeitigen Kenntnisstand nichts dran“ sind aber eher implizit im Text versteckt. Gerade in einer Situation der hochgradigen Verunsicherung sind jedoch klare, einfach formulierte Botschaften extrem wichtig. Aber nochmal – unter Zeitdruck zwischen allen Stakeholdern im Unternehmen so ein Statement abzustimmen, ist eine Mammutaufgabe. Viel wichtiger war, dass es dieses zweite, ausführlichere Statement gab, das die Faktenlage zumindest teilweise aufgearbeitet hat.

  1. Nicht spekulieren

Wirecard deutet an, dass die Anschuldigungen aus einem Konflikt zwischen zwei Mitarbeitern entstanden sein könnten. Das ist legitim, sofern dem Unternehmen tatsächlich valide Erkenntnisse vorliegen, die eine solche Schlussfolgerung zulassen. In diesem Fall hat es vermutlich tatsächlich zur Beruhigung beigetragen. In jeder anderen Situation wäre es höchst gefährlich, über Beweggründe oder Ursachen zu spekulieren, ohne dass diese wirklich gesichert sind – das gehört zu den eisernen Regeln der Krisenkommunikation.

Der Fall Wirecard zeigt auch noch einmal eindrücklich, wie eng in einem Krisenfall bei einem börsennotierten Unternehmen die Kommunikationsdisziplinen PR und IR verwoben sind. Transparente und zeitnahe Kommunikation sowohl gegenüber den Medien als auch gegenüber den Investoren ist im Krisenfall unabdingbar.

Ich bin sehr gespannt, wie der Wirecard-Krimi weitergeht, vor allem auch, was die Ermittlungen der BaFin hinsichtlich möglicher Kursmanipulationen ergeben. Bei Wetten auf fallende Kurse mit der Aussicht auf schnelles Geld scheinen einige Marktteilnehmer wohl nicht der Versuchung widerstehen zu können, dem Kursverfall nachzuhelfen. Dazu dienen lancierte Researchberichte, Gerüchte oder Halbwahrheiten und manchmal sogar brachiale Gewalt, wie z. B. beim Anschlag auf den BVB-Bus im April 2017. Ob jemand auf Kosten von Wirecard solche Wetten platziert und die Berichterstattung durch die FT forciert hat, wird die Untersuchung hoffentlich zeigen.

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