Dies ist ein Gastbeitrag von Journalist und Autor Marton Radkai und Redakteurin Esther Harrison der Übersetzungsagentur Baker & Company.

In der überbordenden Kommunikation einer globalisierten Welt bleibt oft unbemerkt, welch wichtige Rolle Übersetzungen dabei spielen. Wir alle gehen davon aus, dass Texte in einer Sprache geschrieben werden, die wir verstehen. Größtenteils ist es das Englische, das nolens volens zur Lingua franca geworden ist, vor allem im Internet. Tatsächlich sind die meisten Texte aber in einer anderen Sprache erdacht und verfasst und müssen für Kunden oder andere Unternehmen übersetzt werden. Dabei mag es sich um pfiffige Anzeigen, umfangreiche Whitepapers, Unternehmensmagazine oder farbenfrohe Broschüren handeln. Nicht zu vergessen die bescheidenen Pressemitteilungen, die allerdings oft nichts anderes sind als die Speerspitze einer ausgeklügelten Kommunikationskampagne.

Die Automatisierungstechnik kann einfache mechanische Tätigkeiten wie das Punktschweißen oder den Gütertransport bewältigen, scheitert aber vor der feineren Fingerfertigkeit der menschlichen Hand mit ihrem opponierbaren Daumen. Nicht viel anders ist es bei Übersetzungsprogrammen, die zwar in der Lage sind, ein leidlich lesbares Abbild relativ simpler Texte auszuspucken; um sie in der neuen Sprache aber zum Plaudern oder gar zum Singen zu bringen, bedarf es aber menschlicher Fähigkeiten. Denn beim Übersetzen geht es nicht allein darum, Wörter und Bedeutungen korrekt aus einer Quellsprache in die Zielsprache zu befördern. Eine Über-Setzung gleicht eher dem Neuarrangement eines Streichquartetts für andere Instrumente.

Die Verfertigung einer perfekten Übersetzung ist eine mühsame Arbeit, auch wenn es von außen betrachtet ganz leicht scheint. Aber es reicht eben nicht, die Zielsprache gut zu beherrschen. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein und lieferte damit eine präzise Zusammenfassung der Aufgabe, vor der erfahrene Übersetzerinnen und Übersetzer stehen. Sie müssen wissen, wie sie sich zwischen verschiedenen Welten hin und her bewegen, die von jeweils anderen Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Tonarten beherrscht werden.

Der Übersetzungsvorgang an sich ist ganz leicht zu fassen. Übersetzerinnen und Übersetzer müssen ihr Zielpublikum kennen. Dazu benötigen sie ein gründliches Briefing durch ihren Auftraggeber. Handelt es sich um einen werblichen Text, der Kunden ansprechen soll, die ein Produkt möchten oder davon überzeugt werden müssen? Wie kann diese Überzeugungsarbeit in einem anderen Land gelingen? Die Deutschen neigen zu direkter, leicht unterkühlter Kommunikation, während der amerikanische Auftritt tendenziell lauter, manchmal sogar etwas angeberisch ist. Wie also lässt sich der Satzbau einer Sprache nachbilden, damit er in einer anderen genau dieselbe Wirkung entfaltet?

Bei Zeitschriftentexten ist Lesbarkeit das A und O. Dennoch muss auch berücksichtigt werden, wie der Verfasser den Inhalt strukturiert und geformt hat. So will der Einstieg in den Originalartikel sorgsam bedacht sein, ehe man die Übersetzung des ersten Absatzes beginnt.

Bei einem eher technischen Text, etwa einem Whitepaper für Entscheidungsträger, ist die Aufgabe anders geartet. Ein solcher Text muss sich enger an das Original halten, darf allerdings auch nicht zu sehr danach klingen. Im Englischen sind lange deutsche Sätze oft in besser verdauliche Happen zu unterteilen oder ganz umzustellen, damit sie direkter werden und das Subjekt am Anfang steht und die Nebensätze am Ende. Bisweilen fügt man sogar Überschriften und Zwischentitel ein, um englischsprachigen Leserinnen und Lesern das Verständnis zu erleichtern – natürlich im Einverständnis mit dem Kunden. Im angelsächsischen Kulturraum darf auch ein „ernsthafter“ Text Lesevergnügen bereiten. Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis ist ein Text über Glasfaserkabel, dessen Überschriften mit dem Wort „Welle“ gespielt haben (weil sich Licht in Wellen bewegt) und sogar auf den Breaking the Waves Bezug genommen haben. Der Kunde war davon sehr angetan.

Pressemitteilungen sind ein ganz eigener Fall. Wie der Name schon sagt, ist ihre Hauptaufgabe, die Presse anzusprechen, um Information weiter zu verbreiten und Aufmerksamkeit für ein Produkt oder Ereignis zu wecken. Im Deutschen beginnt man dabei gerne mit einer Aussage ohne Verb, was die Wirkung erhöht. Im Französischen dagegen neigt man beim Einstieg zu blumigen Formulierungen, die angelsächsischen Leserinnen und Leser Unbehagen bereiten würden, weil man dort erst einmal die Fakten lesen und Meinungen hintangestellt sehen möchte. Womöglich muss die Pressemitteilung im Englischen sogar umgeschrieben werden, aber dadurch spricht sie viel besser die Redakteure an, die den Text gleich verwenden können, ohne selbst noch eingreifen zu müssen.

Schließlich tut man immer gut daran, sich zu erinnern, dass eine Übersetzung keine wissenschaftliche Arbeit ist. Irren ist menschlich. Weil aber manche Fehler sehr teuer werden können, sollten Übersetzungen genau wie alle anderen Texte, ob nun publizistisch, journalistisch oder betrieblich, sorgfältig redigiert werden. Im Deutschen gibt es einen bemerkenswerten Begriff: betriebsblind. In Bezug auf Texte, einschließlich Übersetzungen, bedeutet er die eigenartige Unfähigkeit der Verfasser, beim Wiederlesen objektiv und neutral darüber zu urteilen. Daher sollte sie immer noch ein zweites Augenpaar lesen. Das verhilft auch dem Übersetzenden zu einem besseren Verständnis, welcher Art Sprache und Tonalität der Kunde wünscht und benötigt. Und das wiederum trägt viel dazu bei, die Beziehung zu einer vielleicht nicht so auffälligen, aber sehr wichtigen Instanz in der Unternehmenskommunikation auf lange Sicht fruchtbar und ertragreich zu gestalten.